Der Bund der Ehe


Arrangierte Ehe, Liebeshochzeit, Kinderehe, Zwangsehe. Heirat ist nicht gleich Heirat.

Die meisten Leute in meinem Bekanntenkreis haben in arrangierten Verhältnissen geheiratet. Das sollte aber nicht mit einer Zwangsehe verwechselt werden, in der die Ehepartner gegen ihren Willen verheiratet werden. Arrangierte Ehen sind (im Gegensatz zu der bei uns verbreiteten Liebeshochzeit) Ergebnis rationaler Entscheidungen, welche die Heiratenden oftmals zusammen mit ihren Eltern treffen. Das heißt: der/die Ehepartner/in soll meist bestimmten Erwartungen bezüglich Herkunft, Religion, Bildungsstandard oder Aussehen entsprechen. Zu diesem Zweck gibt es in Zeitungen beispielsweise Heiratsanzeigen, in denen Heiratswillige neben einer Beschreibung von sich selbst (meist Bildungsstandard, Job, Herkunft, Religion, Kaste, Größe, Gewicht) auch ein Profil des Wunschpartners oder der Wunschpartnerin angeben.
Im Laufe meines Freiwilligendienstes sind mir die unterschiedlichsten Meinungen und Erlebnisse zum Thema Hochzeit und Ehe begegnet. Von Einigen könnt ihr hier lesen. (Sie entsprechen nicht dem ursprünglichen Wortlaut, da sie aus der Erinnerung aufgeschrieben sind)

Eine junge Frau Anfang zwanzig, die in unserem Nachbardorf wohnt, erzählte uns: „Ja, ich werde arrangiert heiraten. Mein Vater wird mir mögliche Ehepartner vorschlagen und ich werde entscheiden, welcher von ihnen der Richtige ist.“
Bei unseren Field Visits haben wir häufig mit einer Gruppe Mädchen in unserem Alter Freundschaftsarmbänder geknüpft. Als das Gespräch auf das Thema Hochzeit kam erzählten sie uns, dass ihre Eltern sie in ein oder zwei Jahren verheiraten wollen. Manche von ihnen werden dafür die Schule abbrechen müssen.
Bei einem Gespräch mit einer Frau aus Nepal erfuhren wir, dass sie sie bereits mit 16 von ihren Eltern verheiratet wurde. Zu dieser Zeit war es in ihrer Gegend Tradition, den zukünftigen Ehemann erst am Tag der Hochzeit zu sehen. Mit 18 bekam sie ihr erstes Kind.
Hier im Konvent arbeitet ein Mädchen in der Küche; sie ist etwa so alt wie ich. Ihre Familie wohnt in einem Dorf etwa 2 Stunden entfernt. In einem Monat wird sie zurück nach Hause gehen. Ob sie dann heiratet? „Nein“, antwortete sie, „erst in zwei oder drei Jahren.“
Im Urlaub besuchten wir in Udaipur eine hinduistische Totengedenkstätte. Einer der Angestellten führte uns herum und es ist ein Gespräch aufgekommen. Er erzählte uns von seiner Kindheit als Sohn einer Dalit-Familie (die sogenannten „Unberührbaren“ stehen ganz unten im Kastensystem). Als Kind hat er viel Diskriminierung erfahren; in der Schule musste er immer hinten sitzen, und die anderen Kinder wollten nicht mit ihm spielen. Als er uns von seiner Heirat erzählte, erfuhren wir: eigentlich wollte er eine andere Frau heiraten, aber seine Eltern haben es ihm verboten da sie Christin ist.
Eine 21-jährige Studentin zeigte mir ein Bild von sich und ihrem Freund. Sie hofft, ihn irgendwann zu heiraten und erzählt mir, dass es besonders in städtischen Gegenden immer mehr Liebeshochzeiten gibt.
Ich stand mit ein paar Mitarbeitern auf dem Hof, als eine Gruppe Frauen aus einem Nachbardorf für eine Fortbildung kam. Einer der Mitarbeiter meinte: „Seht ihr die Frau im blauen Sari? Sie hatte eine Liebeshochzeit!“ Da waren alle sehr beeindruckt.
Als wir eine Freundin von uns fragen, ob sie schon weiß wann sie heiraten wird sagt sie: „Ich weiß es noch nicht. Erstmal werde ich mein Studium beenden und dann… mal schauen.“ Sie erzählt uns auch, dass sie sich ihren Ehemann selbst aussuchen kann.

Wie ihr seht, sind Heiratsvorstellungen teilweise sehr verschieden. Besonders groß sind die Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Gebieten.
Dass geheiratet wird scheint für die meisten, die ich hier kennengelernt habe, selbstverständlich zu sein. Die Frage ist nicht, ob man/frau heiratet; die Frage ist wann. Und die Frage ist auch nicht, ob man/frau Kinder bekommt. Die Frage ist wie viele. Zwischen 1 und 9 habe ich schon alles gehört. 


von Lisa

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