Christentum in Indien



Da wir mit den Nonnen zusammen im Konvent leben, ist das Christentum für uns allzeit präsent. Schon beim Aufwachen dringen die Gesänge und Gebete der Nonnen in unser Zimmer. An manchen Tagen kommt morgens auch ein Pfarrer, der nach der Messe gemeinsam mit uns frühstückt. Um halb zehn beginnt der Bürotag mit einem christlichen Gebet, in welchem beispielsweise dem Gründer, Elias Chavara, gedankt wird. Ein Gebet findet auch vor jeder Mahlzeit und im Auto statt. Und wenn der Tag dann ausklingt und uns die Augen langsam zufallen, ziehen die Töne des Abendgebetes der Nonnen durch die Nacht.
Wenn wir an unserem freien Tag in Bhopal unterwegs sind, bekommen wir von alledem nichts mehr mit. Kein Wunder: weniger als 1% der Menschen in Bhopal sind christlich, in ganz Madhya Pradesh sogar nur knapp 0,3%. Damit liegt der Bundesstaat unter dem landesweiten Anteil von 2,3%.1
Das Christentum wurde angeblich erstmals im Jahr 53 n.Chr. von Apostel Thomas nach Indien gebracht. Noch heute gibt es vor allem in Kerala die Gemeinschaft der Thomaschristen.
Hauptsächlich wurde das Christentum aber durch Missionierungen in der Kolonialzeit verbreitet. Unter dem Portugiesen Vasco da Gama, der Ende des 15. Jahrhunderts in Südindien ankam, erfuhr Indien die erste Missionswelle. Vor allem Menschen der Unterschicht erhofften sich durch die Konvertierung zum Christentum einen gesellschaftlichen Aufschwung. In dem Versuch, ihre Macht in Indien zu sichern, gab es unter British-East-India-Company Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche weitere Konvertierungen.
Im unabhängigen Indien hat sich das Christentum von Missionierung distanziert. In den letzten Jahrzehnten hatte es die Minderheit allerdings nicht immer leicht. Vor allem seit dem Aufschwung von hinduistischen Rechtspopulisten in den 1980er Jahren ist es mancherorts vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Religionen gekommen. Auch die in 6 Bundesländern (darunter auch Madhya Pradesh) bestehenden Antikonvertierungsgesetze, die erzwungene Konvertierungen unter Strafe setzen, sorgen für Spannungen. Was an sich ein guter Ansatz ist, führt in der Realität häufig für Feindseligkeit und falschen Anschuldigungen gegenüber religiösen Minderheiten.
Vom Hörensagen sowie in der Presse sind mir solche Konflikte auch begegnet. Sie stellen aber keinesfalls den Alltag dar. Es geht mir nicht darum, Spannungen zwischen Religionen kleinzureden, denn es ist noch immer ein Problem in unserer Gesellschaft (nicht nur in Indien). Vielmehr möchte ich darauf hinaus, dass ich hier sehr viel Toleranz, Offenheit und Respekt zwischen verschiedenen Religionsgruppen erlebt habe. Manche Praktiken anderer Religionen stoßen zwar auf Unverständnis und werden „nur“ geduldet. Andere stoßen aber auch auf Neugier und Offenheit.
Bei uns in CEROWC werden sowohl hinduistische als auch christliche Feste gefeiert. Ich finde, das ist ein schönes Zeichen.


1: Die christliche Bevölkerung ist in Indien sehr ungleich verteilt. In der Region Nagaland machen Christen mit einem Anteil von rund 88% die Mehrheit aus; in Goa sind etwa 25% der Bevölkerung christlich. In Kerala wohnen zahlenmäßig die meisten Christen.

(alle Angaben vom Zensus 2011)


von Lisa

Kommentare

Beliebte Posts