Typisch indisch?

“Und, wie ist Indien so?” Diese Frage klingt so leicht. Ich mache den Mund auf, um etwas zu sagen. Mache den Mund wieder zu. Tja, wie ist Indien? Noch einmal versuche ich, eine Antwort anzusetzen. Aber mein „total schön“ bleibt mir im Hals stecken, als vor meinem inneren Auge eine vermüllte Straßenecke erscheint. Also nochmal. „Ein bisschen dreckig“ will mir aber auch nicht über die Lippen kommen. Erst letzte Woche sind wir durch einen anderen Stadtteil Bhopals gefahren, wo die Straßen kaum sauberer hätten sein können. Ich denke auch an den wunderschönen Blick vom Kolardamm, die Berge in Coimbatore und unsere Saris. Nein, diese Frage werde ich nicht in einem Satz beantworten können.

Das Einzige was ich mit Sicherheit sagen kann: Indien ist groß und divers. Das zeigt sich nicht nur im Offensichtlichen (verschiedene Sprachen, Religionen etc.) sondern auch im Versteckten. Was auf einen Ort oder Gesellschaftsgruppe zutrifft, trifft nicht auf alle zu. Wir Menschen sind Erfahrungswesen: wir versuchen, Bekanntes auf Neues zu übertragen, was im Endeffekt nichts anderes ist als Verallgemeinerungen. Wie ist Indien? Was ist typisch indisch? Um diese Fragen zu beantworten, müsste man zwangsläufig Verallgemeinerungen treffen. Zum einen übergeht man damit aber sowohl die großen als auch die kleinen Ausnahmen; und zum anderen basieren diese Verallgemeinerungen auf eigenen Erfahrungen. Diese wiederum sind geprägt von der eigenen Perspektive, aus der man Dinge betrachtet. Wenn zum Beispiel jemand bei einem Besuch in Indien nur fettiges Essen kennenlernt, kann leicht die Annahme getroffen werden, in Indien gäbe es nichts anderes. Das ist nicht nur eine Verallgemeinerung von einem Ort auf ganz Indien, das ist auch abhängig davon wie diese Person fettiges Essen wahrnimmt. Ab wann ist etwas fettig? Das ist für jeden anders.
Am Anfang habe ich mich selber dabei erwischt, über manche Dinge viel zu schnell zu urteilen. (Dabei steht es ja gerade mir, die Indien quasi überhaupt nicht kennt, nicht zu das zu tun.) Da war zum Beispiel das mit den Haustieren*.  Da es hier viele streunende Hunde gibt und ich in den ersten Wochen keinen einzigen Haustierbesitzer kennengelernt habe, bin ich davon ausgegangen NIEMAND hätte ein Haustier. Natürlich lag ich falsch. Eines Tages sah ich einen Jogger mit einem Hund an der Leine. Mittlerweile sehe ich fast jeden Tag Menschen, die mit ihren Hunden spazieren gehen. Wie konnte ich das nur übersehen? Sogar ein Aquarienfachgeschäft habe ich gefunden. Wellensittiche gibt es da übrigens auch.

Letzten Monat waren wir bei einem Schulfest dabei. Unter dem Thema „Unity in Diversity“ (Einheit in der Vielfalt) haben die Schülerinnen und Schüler Tänze aus ganz Indien aufgeführt; die Rhythmen, Tanzschritte und Kostüme hätten kaum unterschiedlicher sein können. Am Ende sind alle Tänzerinnen und Tänzer zusammen auf die Bühne gekommen und es wurde die indische Nationalhymne gesungen. Meiner Meinung nach war das eine schöne Botschaft: anstatt sich aufgrund der Unterschiede abzugrenzen, sollten sie als Bereicherung angesehen werden; Bereicherung für eine große Nation Indien, in der 1,3 Milliarden Menschen mit all ihren Unterschieden zusammenleben.


*Ich definiere Haustiere hier als alle Tiere, die keinen direkten Nutzen für Menschen
haben. Kühe, Hühner, Ziegen oder Wachhunde zählen also nicht dazu. Wobei diese Definition aus meiner „deutschen“ Perspektive kommt, wo gerade genannte Tiere als Haustiere nicht besonders üblich sind. Allerdings bedeutet das nicht, dass sie deswegen keine richtigen Haustiere sind. Alles eine Frage der Perspektive und Definition.

 von Lisa

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