Der lange Weg zur Nonne

Es ist Sonntag, wir gehen zur Messe. Vor uns sitzen 15 junge Mädchen, alle einheitlich gekleidet. Wieso das so ist, frage ich die Nonne, die neben mir sitzt. „Das sind unsere Kandidatinnen“, so die Antwort.

Kandidatinnen? Wie bitte? Später erfahre ich: diese Mädchen, alle etwa so alt wie ich, streben ein Leben als Nonne an. Ich würde gerne wissen, was sie zu dieser Entscheidung bewogen hat. Aber darüber reden Nonnen nicht.
Die Kandidatinnen-Zeit dauert fünf Jahre. In den ersten drei Jahren lernen die Mädchen über den Konvent und das Christentum im Allgemeinen. Das folgende Jahr ist dem stillen Gebet gewidmet; in dieser Zeit ist auch kein Kontakt zur Familie erlaubt. Im fünften und letzten Jahr besuchen die werdenden Nonnen dann verschiedene Kloster in ganz Indien.
Die Mädchen haben also sehr viel Zeit zum Nachdenken. Meist verbleibt nur ein kleiner Teil der anfänglich großen Gruppe mit der Entscheidung, ihr Leben Gott zu widmen.
Nach den ersten fünf Jahren folgt der erste Treueschwur, woraufhin die Mädchen quasi zu Junior-Nonnen werden. Sie bekommen in einer feierlichen Messe ihre erste heilige Robe überreicht, genauso wie die Kopfbedeckung. Diese ist allerdings noch nicht schwarz, sondern weiß.
Mit einigen Jahren Abstand folgt dann der zweite und dritte Treueschwur. Erst beim dritten Schwur bekommen sie die schwarze Kopfbedeckung. Damit ist das Ziel, Nonne zu sein, erreicht.
Viele der Nonnen hier haben eine Universität besucht. Von Botanik und Zoologie über Wirtschaft bis hin zu Sozialarbeit ist alles dabei. So arbeiten auch einige Nonnen in einem Beruf außerdhalb des Konvents. Zwei der Nonnen, mit denen wir zusammenleben, arbeiten z.B. in CEROWC; eine andere hat vor ihrer Rente als Englischlehrerin gearbeitet.

Einmal hat eine der Kandidatinnen zu mir gesagt: "Jetzt ist auch für dich die Zeit, über ein Leben als Nonne nachzudenken." Ein komisches Gefühl. In Deutschland waren Nonnen für mich immer eine recht weit entfernte Erscheinung; ich habe nie darüber nachgedacht, was sie wohl zu ihrer Entscheidung bewogen hat. Jetzt ist die ganze Institution Kloster plötzlich viel näher gerückt - spannend, aber auch verwirrend. Irgendwie eine ganz andere Welt. Und so komisch das jetzt klingen mag: Nonnen sind auch nur ganz normale Menschen, jede mit ihrer eigenen Persönlichkeit. Und obwohl sich ihr Lebensstil doch sehr von meinem gewohnten Leben unterscheidet, haben wir auch viele Gemeinsamkeiten.
von Lisa

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